Hab keine Angst!“ – Warum wir die Gefühle unserer Kinder manchmal besser stehen lassen sollten

Veröffentlicht am 25. Oktober 2026 um 12:00

Kürzlich war ich im Schwimmbad. Dort übte eine Mutter mit ihrem Kind das Tauchen nach einem Ring. Das Kind hatte große Angst und weinte. Die Mutter redete geduldig auf das Kind ein, bis es endlich unter Wasser ging und den Ring holte.

Das Kind hatte am Ende zwar einen Erfolg: „Ich habe es geschafft!“. Das ist toll, denn so spüren Kinder ihre eigene Kraft. Aber das Kind hat in diesem Moment auch gelernt: „Mama will, dass ich es trotz meiner Angst mache. Meine Angst zählt hier gerade nicht.“

Wenn wir Gefühle „wegreden“

Wir meinen es meistens gut, wenn wir sagen: „Hab doch keine Angst“, „Das ist doch gar nicht schlimm“ oder „Wein nicht“. Wir wollen unser Kind beruhigen oder ihm Mut machen.

Doch wenn wir das zu oft tun, passiert etwas Unbewusstes: Das Kind lernt, dass sein eigenes Gefühl (in diesem Beispiel die Angst) falsch oder unwichtig ist. Es lernt, nicht mehr auf seinen Bauch zu hören, sondern nur noch darauf, was wir Erwachsenen von ihm erwarten. Langfristig macht es das für Kinder schwerer, sich selbst einzuschätzen und ihre eigenen Grenzen zu spüren.

Was wäre, wenn wir anders begleiten?

Natürlich wollen wir unsere Kinder fördern und sie ermutigen, Dinge auszuprobieren. Wir dürfen das Ziel (das Tauchen, das Sportmachen, das neue Hobby) im Blick behalten, aber wir sollten dabei das Gefühl unseres Kindes nicht links liegen lassen.

Der Trick ist: Wir müssen die Angst nicht erst „besiegen“, um das Kind zu unterstützen.

So kannst du dein Kind liebevoll begleiten

Wenn Sie merken, dass Ihr Kind blockt, weil es Angst hat, versuchen Sie einmal, das Gefühl des Kindes erst ganz kurz zu bestätigen, bevor Sie zur Lösung kommen:

  • Zeigen Sie Verständnis: Statt zu sagen „Da brauchst du keine Angst haben“, sagen Sie lieber: „Ich sehe, dass du gerade richtig Angst hast. Das Wasser ist auch tief, ich kann verstehen, dass dir das mulmig ist.“
  • Bieten Sie Unterstützung an: „Ich weiß, das ist gerade schwer für Sie. Aber ich bin die ganze Zeit bei dir und halte dich fest. Ich helfe dir, wenn du möchtest.“
  • Suchen Sie gemeinsam nach dem nächsten Schritt: „Vielleicht müssen wir heute noch gar nicht ganz tauchen. Reicht es dir, wenn wir erst einmal nur mit dem Mund ins Wasser pusten?“

Warum das gut funktionieren kann:

Wenn ein Kind merkt, dass seine Angst ernst genommen wird und die Eltern an seiner Seite stehen, entspannt es sich. Das Kind fühlt sich sicher. Und wenn es sich sicher fühlt, traut es sich meistens viel eher, die Angst zu überwinden – ganz ohne Druck.

Ein kleiner Impuls für Ihren Alltag

Das nächste Mal, wenn Ihr Kind in einer Situation „feststeckt“, die für Sie eigentlich ganz einfach aussieht, atmen Sie einmal tief durch.

Fragen Sie sich nicht: „Wie bekomme ich mein Kind jetzt dazu?“, sondern: „Wie kann ich meinem Kind zeigen, dass ich verstehe, wie es sich fühlt, während wir gemeinsam eine Lösung finden?“

Es geht nicht darum, dass Ihr Kind nie wieder Angst hat. Es geht darum, dass es weiß: „Meine Gefühle sind okay, und ich bin nicht allein damit.“ Das gibt Ihrem Kind eine Stärke, die weit über das Tauchen nach einem Ring hinausgeht.